[Sommertheater] Bettelnde Kinder auf den Straßen
Überzeugene Darsteller brachten das Leben von Getrude Pfeifflin auf die Bühne, die mehrere Stationen hatte.

Foto: Köncke Foto: Schwarzwälder-Bote
Simmersfeld. Hinter dem Festspielhaus in Simmersfeld spielen sich seit Tagen dramatische Szenen ab: Das Ensemble der Kulturwerkstatt führt unter freiem Himmel das Leben und Sterben der "Grenzgängerin Gertrude Pfeifflin" auf.Im Konfirmandenunterricht erklärt der Pfarrer die Zehn Gebote. "Du sollst nicht stehlen und Deinen Vater und Deine Mutter lieben." Was aber, wenn die kleine Gertrude vor lauter Hunger nächtelang nicht schlafen kann? Und wie kann sie ihren Vater lieben, der sie im Keller sexuell belästigt und genötigt hat?
1792 erblickt Gertrude unweit von Altensteig das Licht der Welt. Ihre Mutter schlägt sich mit Betteln durch. Als der Ernährer der Familie stirbt, will sie auswandern, wird aber an der Grenze zurückgewiesen.
In Ulm macht sie Bekanntschaft mit der Händlerin Anna Blocher, die ihrem Kind ein besseres Leben verspricht. Das Gegenteil ist der Fall. Gertrude wird herumgeschubst, muss hart arbeiten, bekommt nicht immer etwas zu essen.
Die Situation wird erträglicher, als sie den Wilderer Mathis kennen und lieben lernt. Bald trägt sie ein Kind von ihm unter ihrem Herzen. Als er von königlichen Jägern erschossen wird, erfährt, dass ihre Mutter sie verkauft hat und die Blocherin dafür sorgt, dass ihr Kind nicht lange lebt, greift Gertrude zur Axt. Bei einem Grenzübertritt zwischen Baden und Württemberg wird sie gefangen genommen und am 28. August 1818 im Alter von 26 Jahren auf dem Marktplatz in Calw enthauptet.
Über die wahre Geschichte haben der künstlerische Leiter Roland Schweizer und Regisseurin Isolde Alber ein Drehbuch verfasst. Dabei diente ihnen die gleichnamige Erzählung von Schriftsteller Uli Rothfuß als Vorlage.
Seit jeher konzipiert die Kulturwerkstatt ihre Eigenproduktionen als Stationentheater. Die Zuschauer wanderten diesmal auf der "Straße der Armen". Unterwegs begegneten ihnen bettelnde Kinder, ein Hungerengel, nach Freiheit dürstende Außenseiter der Gesellschaft –– und ein deklamierender Friedrich Schiller ("es dürstet mich, meinen Landesherrn nach allen Kräften zu schaden..."). Hinter dem Festspielhaus endete der Fußmarsch. In den nächsten zwei Stunden wurden die Theatergänger Zeuge tragischer Ereignisses.
Aus dem geschlossen und durchweg überzeugend agierenden Ensemble ragen drei Frauenfiguren hervor: Verena Katz identifiziert sich voll und ganz mit Gertrude: Sie spürt ihren Schmerz, empfindet Liebe und Angst vor dem Tod.
Die Mutterrolle ist Christel Blaich-Lenk auf den Leib geschrieben. Auch die verschlagene Anna Blocher ist mit Christina Helber ideal besetzt. Ebenso hat es Regisseurin Isolde Alber verstanden, die aufbrausende Bürgermeistergattin (Doris Hammann), die Advokatin (Hilde Steiner), die Richterin (Michaela Katz) und Pfarrer Eifert (Otto Podeschka) authentisch erscheinen zu lassen – nicht zu vergessen Jutta Nonnenmacher als Katharina von Württemberg. Auch kleinen Rollen wurde Leben eingehaucht.
Es gibt Szenen, die lange nachwirken, wie die Beerdigung von Gertruds Kind, und wie einfühlsam ihr der Gefängniswärter (Heinrich Knecht) Trost zuspricht.
Viele alte und neue Instrumente kann Thomas Felder als musikalischer Begleiter der Freilichtaufführung spielen, und seine Kopfstimme fährt durch Mark und Bein.
Weitere Informationen: kulturwerkstatt@ simmersfeld.de




